Meine drei Großmütter – Lecture von & mit Meret Kiderlen & Andreas Mihan

REHEARSED AT / ÜBERARBEITET IM  Z

Meine drei Großmütter – Lecture

Archiv der flüchtigen Dinge #4

von & mit Meret Kiderlen & Andreas Mihan

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Flyerbild

Was haben meine Großmütter gemacht, als sie so alt waren wie ich? Die eine drillte eine Gruppe Deutscher Mädels auf Gleichschritt, die Andere lebte als jüdische Emigrantin in Ecuador und die Dritte wurde die Rote Ilse genannt – oder etwa nicht? Und bin ich deswegen so, wie ich bin?

Meret Kiderlen steht vor der Kamera und erzählt die Lebensgeschichten ihrer Großmütter, die sie mit ihrer eigenen verknüpft. Sie erinnert sich an Erinnerungen, an eigene, an fremde und an erfundene. Die eingespielten brüchigen Tonspuren der an Demenz erkrankten Großmutter laufen dabei genauso ins Leere wie Versuche der Performerin die Familienerinnerungen zu dokumentieren. Es endet im Chaos. Oder in entropischer Harmonie?

Die Lecture Performance untersucht mit hintersinnigem Witz das Verhältnis zwischen den Generationen, die Konstruktion von familiärer und persönlicher Identität und fragt nach Möglichkeiten des theatralen Umgangs mit Demenz.

Meine drei Großmütter – Lecture. Archiv der flüchtigen Dinge #4 entstand aus Meret Kiderlens Master-Inszenierung am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft (#3) und ist wie diese Teil des fortlaufenden kollektiven Projekts Archiv der flüchtigen Dinge.

Die Lecture Performance ist in zwei Teile aufgebaut: Der 1. Teil besteht aus dem Versuch des Vortrags, der 2. Teil aus der performativen Befragung des Publikums.

Wenn es uns in der Lecture Performance um Erinnerungen und deren Brüchigkeit und das damit verbundene (Mit)Leiden geht, dann arbeiten wir auch auf der Inszenierungsebene mit Brüchen und Wiederholungen, die für Irritation, konkretes nicht repräsentatives Mitleid und Sinnesschärfung beim Zuschauer sorgen. Was das heißen soll, werden Sie selbst erfahren!

Siehe Video:  http://archivderfluechtigendinge.net/projekte/3-meine-drei-grosmutter-lecture/

Meine drei Großmütter – Lecture. Archiv der flüchtigen Dinge #4 entstand aus Meret Kiderlens Master-Inszenierung am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft (#3) und ist wie diese Teil des fortlaufenden kollektiven Projekts Archiv der flüchtigen Dinge. Bei der Master-Inszenierung standen vier Theaterkünstler verschiedener Disziplinen auf der Bühne und bearbeiteten mit ihrem jeweiligen Handwerk (Schauspiel, Bühnenbild, Choreographie, Sound) die Erinnerungen von und an Meret Kiderlens Großmütter, um sie sich radikal zu eigen zu machen. Schon in dieser Arbeit ging es um das Erinnern und dessen performatives Potential. Für die Lecture Performance von Andreas Mihan und Meret Kiderlen steht nur Meret Kiderlen selbst auf der Bühne, wobei die Auseinandersetzung mit dem Erinnern, dessen Konstruktion und dessen Verlust stärker auf das Publikum übertragen wird. 

Übergreifendes Projekt: Archiv der flüchtigen Dinge

 Das Archiv der flüchtigen Dinge ist selbst flüchtig, nur um anderorts wieder neuaufgebaut zu werden – in anderen Formen und Farben, Tönen und Klängen. Ziel dieses theatralen Archivs ist es Flüchtiges zu archivieren ohne es festzuhalten. Das bedeutet ständige Bewegung und Weiterentwicklung.

Die einzelnen Teile des fortlaufenden Theaterprojekt entsteht mit einem wechselnden Ensemble, das eng mit dem Institut für Angewandte Theaterwissenschaft Gießen verbunden ist und in unterschiedlichen Konstellationen seit 2009 zusammenarbeitet. Formal spielt das Archiv der flüchtigen Dinge mit den Grenzen zwischen Performance, Schauspiel, Lecture und Installation und sucht für jedes Projekt nach eigenen interdisziplinären Theaterformen. Aus der filmischen Skizze des Archivs der flüchtigen Dinge #1 (Gießen Mai 2011) wurde Skizze #2, eine performative Installation (UT Connewitz September 2011), daraus Meine drei Großmütter. Archiv der flüchtigen Dinge #3, eine Performance (Landungsbrücken Frankfurt Juli 2012), und daraus jetzt die Lecture Performance, Meine drei Großmütter – Lecture. Archiv der flüchtigen Dinge #4 (HU Berlin & historisches museum frankfurt November 2012).

Das Ensemble versteht seine Arbeit als eine Form der Welt gegenüberzutreten und gesellschaftspolitisch zu handeln. Auf der Makroebene glauben wir, dass eine Gesellschaft ideologisch erstarrt, wenn sie sich auf eine Interpretation und Darstellung der Dinge festlegt. Nur mit der Möglichkeit zur Debatte kann eine Gemeinschaft sich neu entwerfen und verendet nicht in despotischer Repression.

Auf unsere Bühnenarbeit übertragen heißt das, nicht bloß darstellen und repräsentieren. Wir bilden einen performativen Rahmen, innerhalb dessen mit den Dokumenten so umgegangen wird, dass die Anwesenden das Phänomen eher erfahren als betrachten und sich selbst positionieren müssen.

Siehe auch: www.archivderfluechtigendinge.net

Beteiligte an der Lecture Performance

Meret Kiderlen (*1983, Frankfurt a. M.) konzipiert, führt Regie und performt für das Archiv der flüchtigen Dinge. Sie studierte zunächst in Valencia, Leipzig, Mendoza und Buenos Aires. Während ihres Masters am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen entstanden die ersten Aufbauten des Archivs der flüchtigen Dinge. Im Sommer 2012 entwickelte sie im Anschluss daran bei Prof. Heiner Goebbels ihre Abschlussinszenierung Meine drei Großmütter. Archiv der flüchtigen Dinge #3. Sie hospitierte und assistierte u.a. bei Viviane De Muynck / Schauspielhaus Hamburg, Vivi Tellas / Teatro Sarmiento Buenos Aires, Bettina Wind und Alexandra Ferreira / Mounsonturm Frankfurt und derzeit bei Clemens Bechtel / Bürgerbühne (Staatsschauspiels Dresden). 2012 performte sie bei Claudia Bosse in Burning Beast / Frankfurter Kunstverein. Seit 2006 zeigt Meret Kiderlen eigene Theater- und Performanceprojekte – an Bühnen (LOFFT Leipzig, Waggonhalle Marburg, Landungsbrücken Frankfurt u.a.) und außerhalb des Theaters (Staatsbibliothek Berlin, historisches museum frankfurt, aber auch: Fabrikgelände Energieversorgung Offenbach, Leipziger Wohnhaus oder Giessener insolventer Bettenladen). Gemeinsam mit Carolina Defossé und BiNeural-Monokultur entwickelt sie seit 2009 zwischen Argentinien und Deutschland die Virtual Performances, theatrales Labor zu Skype (bisher eingeladen zu: Argentinischen Filmtagen Leipzig 2009, ATT / LOFFT 2009, Katalanischen Künstlerresidenz Nau Côclea, Festival Internacional de Teatro Mercosur 2012). Für 2013 ist sie zu dem Junge Regie Festival El Porvenir nach Buenos Aires eingeladen.

Andreas Mihan arbeitet an der Schnittstelle von Performance, Medienkunst und Programmierung und ist als Regisseur, Videokünstler und Lichtdesigner tätig.

Aktuelle Projekte sind Don Juan am Hessischen Landestheater Marburg (gemeinsam mit René Liebert Lichtdesign), Homburg : Apocalypse an der bühne der TU Dresden (Regie, Premiere 22. Oktober 2011), WOYZECK ÜBERSCHREIBEN am Theaterdiscounter Berlin (Licht, Premiere 23. März 2012) und ORPHEUS am Stadttheater Gießen (Regie, Premiere 29. September 2012). Er studierte Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und lebt und arbeitet in Dresden und im Rhein-Main-Gebiet.