off the record: Denken in präziser Unschärfe

Forum für kritische Performancepraxis und -theorie


Die Diskursreihe “off-the-record” möchte der mangelnden Präsenz weiblicher Vorreiterinnen in der Frankfurter Kunst- und Kultur-Landschaft entgegentreten: mit einem gebündelten Programm weiblicher Positionen aus Theorie und künstlerischer Praxis, welches die Arbeit von Theoretikerinnen und Künstlerinnen aus dem “off” heraus in die öffentliche Wahrnehmung rückt. So sollen neue Identifikations- und Reibungspunkte für in diesen Bereichen aktive Frauen geschaffen werden. Aus der Nachrichten-Verschlüsselung kommend, bezieht sich der Begriff “off-the-record” nicht nur auf eine Unterrepräsentanz weiblicher Positionen, die keine Aufnahme fanden, sondern spielt ebenso auf einen besonderen Austausch innerhalb einer Kommunikations-Gemeinschaft an – eine Komplizinnenschaft, die ihre Positionen durch kritischen Austausch gegenseitig stärkt.

Das Credo der Reihe “Denken in präziser Unschärfe”, ein Zitat aus einem Text der Performance- Theoretikerin Krassimira Kruschkova, spricht sich für ein wechselseitiges Verhältnis von Theorie und Praxis aus, das sich jenseits von vorgefertigten Definitionen und im Widerstand gegen jegliche Ideologie bewegt:

“Es geht um eine Theorie, die aufweicht, was harte Lehre wäre, die sich – in präziser Unschärfe – gegen jede ästhetische Disziplinierung und dadurch auch gegen jede ideologische Setzung wendet. Dieses theoretische Denken hat eine programmatische Schwäche, eine Schwäche für das starke diskursive Potenzial von Kunst in unserer Zeit gesprungener Räume. Es denkt Theorie als Expertise, Extension und Potenzialisierung der Kunst, als Definitionsarbeit und zugleich De-Finition.”

Damit knüpft Kruschkova implizit an die Frankfurter Schule an, die “ohne Leitbild” (Adorno) gegen die Ideologie des Definitiven und Totalitären arbeitete. Gleichzeitig operiert sie mit ihrer Wortwahl – das Harte aufzuweichen, die präzise Unschärfe, die Schwäche für etwas – mit Kategorien, die in patriarchalen Gesellschaften tradiert dem Weiblichen zugeordnet wurden /werden. In Kruschkovas Schreibarbeit wird der vermeintlich schwache Begriff zu einem starken Ausdruck umgedeutet, ohne vollends in ihm aufzugehen. Diese Arbeit am Begriff ersetzt die mit einem pointierten, scharfen (männlichen) Denken verbundenen Worte nicht einfach durch ihre Gegensätze, sie arbeitet vielmehr daran die einfachen Dichotomien stark/schwach, präzise/unscharf, hart/weich, männlich/weiblich durch komplexere Denkbilder abzulösen.

Aus dieser Perspektive, die gleichermaßen auf die Frankfurter Tradition der kritischen Theorie als auch auf eine feministische Position in der poststrukturalistischen Theorielandschaft verweist, möchten wir Künstlerinnen und Theoretikerinnen aus Frankfurt und dem deutschsprachigen Raum einladen, in eine offene Gesprächssituation miteinander und der interessierten Zuhörer*innenschaft zu treten.

 

Nächster Termin:

Dienstag, 12.12.2017, 18 Uhr

“Wie zusammen kommen (in Tanz und Performance)? Vortrag von Krassimira Kruschkova.

 Goethe-Universität Frankfurt,  Campus Westend, IG Farben-Haus, Raum 1.411

Zum Abschluss der feministischen Gesprächsreihe von ID_Frankfurt laden wir in Kooperation mit der Theaterwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt die Performancetheoretikerin Krassimira Kruschkova für einen Vortrag ein. Neben ihrer theoretischen Arbeit und Lehrtätigkeit entwickelte Kruschkova als Leiterin des Theorie-Zentrums am tanzquartier Wien zahlreiche innovative Formate für die Begegnung von künstlerischer Praxis und Theorie. Ihre Formulierung „Denken in präziser Unschärfe“, die unsere Reihe begleitete, ist eine ihrer treffenden Beschreibungen dieser schwierigen, herausfordenden, lohnenden Begegnungsversuche im Denken.

Krassimira Kruschkova ist Theater-, Tanz- und Performancetheoretikerin. Sie lehrt an der Universität für angewandte Kunst und an der Akademie der bildenden Künste in Wien und leitete 2003 bis Juni 2017 das Theorie- und Medienzentrums am Tanzquartier Wien. Zahlreiche Publikationen u.a.: Ob?scene. Zur Präsenz der Absenz im zeitgenössischen Theater, Tanz und Film, Wien 2005; It takes place when it doesn’t. On dance and performance since 1989 (ed. with M. Hochmuth/G. Schöllhammer), Frankfurt a. M. 2006; Uncalled. Dance and performance of the future (ed. with S. Gareis), Berlin 2009; ‘Wissen wir, was ein Körper vermag’ (hrsg. mit A. Böhler/S. Valerie), Bielefeld 2014; Untimely Views. Tanzquartier Wien 2009/10-2016/17 (ed. with W. Heun, L. Mehanovic, Y. Nikseresht), Wien 2017; SCORES #1-#7, (co-ed.), Wien 2010-2017.


Bisherige Termine:

Montag, 12.06.2017, 19 Uhr
“Choreography of Things” mit Kate McIntosh und Martina Ruhsam

Mousonturm Lokal, Waldschmitstraße 4, Frankfurt

am 12. Juni gemeinsam mit der Tanz-/Theaterwissenschaftlerin  Martina Ruhsam und der Performance-Künstlerin Kate McIntosh im Anschluss an die Aufführungstage von „In Many Hands“. Beide teilen eine besondere Beschäftigung mit der Dingwelt im Bereich der Performance. Was heißt hier eigentlich Choreografie? Und inwieweit kann vielleicht gerade eine Choreografie der Dinge sein Publikum aus der aufs reine Sehen konzentrierten Schauhaltung befreien und ein gemeinschaftliches Zusammensein ermöglichen?

Die Gespräche finden in englischer Sprache statt. Der Eintritt ist frei.

Infos und Tickets für  “In Many Hands” von Kate McIntosh (10. & 11. Juni): http://www.mousonturm.de/web/de/veranstaltung/in-many-hands


Montag, 1.07.2017, 21 Uhr
“Power Structures”  mit Simone Aughterlony und Vanessa Thompson

im Z – Zentrum für Proben und Forschen, Schmidtstraße 12, Frankfurt

im Anschluss an die Aufführung von “Uni*Form” im Frankfurt LAB am 1.7., 19:30 Uhr

Am 1. Juli  begegnen sich die Choreografin Simone Aughterlony und die Sozialwissenschaftlerin Vanessa E. Thompson. Wir diskutieren anlässlich der Arbeit Uni * Form von Simone Aughterlony und Jorge León über sichtbare und unsichtbare Machtstrukturen, über ihre formierenden Kräfte und ob und wie man sich ihnen widersetzen kann.

Die Gespräche finden in englischer Sprache statt. Der Eintritt ist frei.

Infos und Tickets für “Uni*Form” von Simone Aughterlony und Jorge León (30. Juni & 1. Juli): http://www.mousonturm.de/web/de/veranstaltung/uni-form

 


 

Samstag, 10.12.2016, 20 Uhr
Vom »ganz Normalen«

19.30 h Impuls-Vortrag von Mayte Zimmermann (Theaterwissenschaftlerin) &
Künstlerinnengespräch im Anschluss an »Normal Dance« von Antonia Baehr
Moderation: Fanti Baum und Olivia Ebert

Ort: Künstlerhaus Mousonturm, Lokal (Waldschmidstraße 4, 60316 Frankfurt)

Normal Dance, Tanzstück von Choreografin Antonia Baehr. Tanzende: Antonia Baehr, Mirjam Junker und Pia Thilmann. Berlin, 10.5.2016

Was gibt es uns zu denken, wenn vor einem Begriff das Wort normal erscheint? In der dritten Ausgabe der feministischen Gesprächsreihe off the record. Denken in präziser Unschärfe sprechen wir über Körper und Bewegungen, die sich den zwingenden Kriterien der Normalität widersetzen. Zusammen mit der Theaterwissenschaftlerin Mayte Zimmermann, der Choreographin Antonia Baehr und den Performerinnen Pia Thilmann und Mirjam Junker wollen wir jene Energien in den Blick nehmen, die Durchschnitt, Tradition und Gewöhnliches vernachlässigen und das (noch) nicht ganz Normale favorisieren. Was heißt es, sich »critical queer« gegen die Norm zu stellen, was, das »ganz Normale« tanzend und sprechend zu erweitern?

Vor und nach der Aufführung Normal Dance von Antonia Baehr am Samstag, 10.12.2016 um 20 Uhr im Künstlerhaus Mousonturm.
Der Eintritt ist frei. Karten für die Aufführung sind beim Mousonturm erhältlich.


Mittwoch, 14.09.2016, 20 Uhr
»quasi natürliche Verhältnisse«, Künstler*innengespräch mit Swoosh Lieu

mit Miriam Dreysse (Theaterwissenschaftlerin) und Swoosh Lieu (Johanna Castell, Katharina Kellermann und Rosa Wernecke)

Ort: Künstlerhaus Mousonturm, Lokal (Waldschmidstraße 4, 60316 Frankfurt)

In der zweiten Ausgabe der feministischen Gesprächsreihe off the record. Denken in präziser Unschärfe wollen wir quasi natürliche Verhältnisse in Frage stellen und sprechen zusammen mit der Theaterwissenschaftlerin Miriam Dreysse und Swoosh Lieu über die Darstellung von Sorgetragenden. Was lässt sich bei der visuellen Konstruktion von Frauenbildern im bürgerlichen Theater wie in den zeitgenössischen Künsten beobachten? Und wie ließe sich der Zusammenhang von Weiblichkeit, Arbeit und Zuhause dekonstruieren, oder vielmehr denaturalisieren? Denn mit der Infragestellung der Familie als natürliche Einheit, stünde auch die Sorgearbeit zur Disposition: Who Cares?

im Anschluss an die Aufführung Who cares ?! – Eine vielstimmige Personalversammlung der Sorgetragenden am Mittwoch 14.9. um 20 Uhr im Künstlerhaus Mousonturm.
Der Eintritt ist frei. Karten für die Aufführung sind beim Mousonturm erhältlich.


Freitag, 15.04.2016
sprechen (chorisch)
Gespräch und Diskussion mit Susanne Zaun, Marion Schneider und Ulrike Haß

Moderation Fanti Baum und Olivia Ebert

Ort: Künstlerhaus Mousonturm, Lokal (Waldschmidstraße 4, 60316 Frankfurt)

 

Wer spricht? –
„Das Theater war nie ein Ort für Frauen“, gibt Elfriede Jelinek 1996 in einem Interview zu Protokoll und bezieht sich mit diesem Gedanken vor allem auf das Moment des Sprechens, auf die Möglichkeit als Frau die Stimme zu erheben. Dies sei eben nicht vorgesehen. Und deshalb fügt sie an: „Wenn ich, eine Frau, spreche, dann spreche ich eben nicht als eine, die Ich sagen darf, sondern ich spreche sozusagen (…) für alle anderen Frauen mit. Das Ich ist also ein vereinzeltes wie ein kollektives Ich“.
Spricht da also immer schon ein Chor? Oder spricht doch jede nur für sich? Und wenn sich ein Chor auf der Bühne fügt, kann man da von einer Figur sprechen? Und überhaupt: Ist nicht gerade der Chor männlich verfasst? Wer sind jene Alle, die da sprechen?
Zusammen mit Ulrike Haß (Theaterwissenschaftlerin, Bochum), Marion Schneider und Susanne Zaun, den beiden Regisseurinnen der Theater-Produktion “Dieser Witz trägt einen Bart – Der Chor und seine Beziehung zum Unbewussten”, möchten wir fragen: Wie heute chorisch, wie weiblich sprechen? Was kommt zur Sprache, wenn wir den Chor weiterhin als denjenigen begreifen, der als Gegen-Stimme laut wird, der Platz einräumt – in diesem Fall: Platz für ein Sprechen, das in seiner Weiblichkeit immer schon Überschreitung ist?

 

17:30 Uhr Warmsprechen (Warm-Up mit Marion Schneider und Susanne Zaun)
18:00 Podiumsdiskussion
Publikumsgespräch im Anschluss an die Aufführung “Dieser Witz trägt einen Bart – Der Chor und seine Beziehung zum Unbewussten”

Der Eintritt ist frei. Karten für die Aufführung sind beim Mousonturm erhältlich.

 


OFF THE RECORD WIRD ERMÖGLICHT DURCH ID_FRANKFURT e.V. UND: